Postmoderne Bibliotheken – Phoenix aus der Asche


Im Zuge der letzten Jahre haben sich Merkmale und Selbstverständnis von Bibliotheken stark verändert. Das liegt besonders am Netz. Interessanterweise lassen sich die Umbrüche, die für Bibliotheken durch das Netz entstanden sind und der kulturelle Wandel zwischen Moderne und Postmoderne miteinander vergleichen:

Quelle: Michael Bischoff: DIe Postmoderne. Examensarbeit. STH Basel, April 2000 / leicht überarbeitet, August 2005

Das Schema ist eine Vereinfachung und bezieht sich ursprünglich auf die Veränderung der Wahrnehmung von Kunst und Kultur. Wir setzen Kultur und Bibliothek einfach mal gleich. Übertragen auf die heutige Bibliothek lassen sich einige Thesen ableiten:

Die Stellung zum Absoluten: Die Bibliothek als Zentrum von Wahrheit und Wissensmacht ist nicht mehr. Der Bestand ist ein Angebot an die Nutzer. Vernufts- oder Ästhetikkriterien helfen bei der Auswahl von Informationsobjekten nur bedingt weiter.

Wert: Die Bibliothek ist kein Wert mehr in sich selbst. Sie ist definiert durch Schnittstellen zu immer komplexer werdenden Gruppen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Prozessen. Sie schafft nur Wert in Bezug auf die Befriedigung von Wissensbedürfnissen. Dabei ist das Wissensbedürfnis diffus. Autoritäten bez. Anschaffungsvorschläge werden sukzessive an Relevanz einbüßen.

Künstler: Wer ist der Künstler? War es früher die Bibliothekarin selbst? Ist es heute der IT-Spezialist, der morgens katalogisiert und mittags eine Veranstaltung für eine Schulklasse leitet? Oder ist der Künstler die Nutzerin, die der Bibliothek durch tagging, Catalog Enrichment und Empfehlungen noch einiges beibringen kann?

Das Aufbrechen des Stils vollzieht sich nicht nur im Rollenkonflikt von BibliothekarInnen, sondern besonders in der Stifrage, was Bibliothek ist und wie sie sich darstellt. Stile anderer Informationsanbieter belasten das Selbstverständnis der Bibliotheken stark. Auch die Art neuer Suchmethoden „z.B. power-bouncing“ wiedersprechen der auf systematischer Vollständigkeit besierenden bibliothekarischen Rercherchemethode.

Die grobe These, die sich daraus ergibt: Es ist ein Auflösungsprozess im Gange! Das lässt sich im Ansatz auch in dem Artikel in Hobohms LIS blog ablesen: Man beginnt damit Konventionen, Riten, Traditionen etc. über Bord zu werfen.

4 Kommentare

  1. Ben

    In der Tat: „Es ist ein Auflösungsprozess im Gange!“ – ich sehe in der beschriebenen „postmodernen Bibliothek“ die Asche, der Phönix steigt jedoch noch nicht auf.

    Andererseits sind wir, glaubt man Bruno Latour, ja überhaupt nie modern gewesen. Und natürlich hat er dahingehend recht, dass all die „Konventionen, Riten, Traditionen“ keine absoluten Fakten darstellen, sondern Erklärungsmodelle, die besonders jetzt in den Mittelpunkt rücken, wo es etwas anderes zu verstehen und zu vermitteln gilt.

    Wenn man die „Revolution“ ausruft (vgl. LIS Blog), dann braucht man ein klares Gegenmodell, dass es zu überwinden gilt. Diese Konstruktion eines Vorher/Nachher reproduziert jedoch genau die starre Weltsicht, die man erklärtermaßen zu überwinden versucht und darin liegt die Diskursfalle der Aufbruchsapologeten.

    Die von Professor Hobohm zitierte Aussage Steve Ballmers, dass wir massive Veränderungen erleben werden, ist natürlich trivial und so unspezifisch, dass man damit nicht falsch liegen kann. Staunen muss man darüber wahrlich nicht. Ich bezweifle aber stark, dass uns bzw. die Bibliotheken die Entwicklung von Technik in einen postmodernen Zustand (in einer positiven Lesart) versetzt.

    Gerade hinsichtlich der großen Akteure ist in diesen Bereichen eher eine Konsolidierung als eine Pluralisierung festzustellen. Der Aktionsrahmen ist dabei total und straff fixiert: Adobe, Amazon, Apple, Google, Microsoft bestimmen weitgehend, wie wir kommunizieren (können). Die Grenzen meines Displays sind hier auch die Grenzen meiner Welt. Dass dadurch bestimmte Sinne und Wahrnehmungen unverhältnismäßig überbetont werden, die Rich User Experiences sensuell also eher als ärmlich erscheinen, kann man gern mal an einer anderen Stelle aufgreifen und durchdenken.Hier
    geht es mir um etwas anderes:

    Während die Bibliotheken ihre eigene Überwindung als (vermeintliches) Zentrum von Wahrheit und Wissensmacht feiern, liegt die Deutungshoheit für die Welt schon wieder in anderer Stelle fixiert.Das Absolute sind wir bislang jedenfalls nicht losgeworden. Und je mehr wir unsere Kommunikationen und Sozialen Beziehungen in den expliziten Medien fixieren und über iGoogle etc. verwalten, desto abhängiger werden wir. Gerade in der Argumentation, dass uns das WWW und das Web 2.0 – kurz das Netz – befreit, wird es total, totaler als die Bibliothek je sein konnte.

    Wenn sich die Institution Bibliothek wirklich auszeichnen könnte, dann durch die bewusste Erzeugung eines Gegenraums für Kommunikation, der sich gerade nicht im Mimikry von mit Verkaufskalkülen forcierten Trends versucht, sondern im Sinne seiner Funktion als öffentlicher Ort – auch im Internet – seine bewerten Kompetenzen weiter entwickelt, wo sinnvoll auch öffnet, aber hoffentlich nicht über Bord wirft.
    Der Anspruch der Moderne, der selbstverständlich nur ein nie erreichbares Leitbild darstellte und darstellen wird, scheint mir für eine solche Entwicklung nicht die schlechteste Basis, vorausgesetzt, er kann sich selbst hinterfragen bzw. ist nicht dogmatisch.

    Die Herausforderung liegt entsprechend nicht darin, so zu werden wie Google, sondern sich gerade nicht darauf einzulassen, so zu werden, sondern dort aktiv zu sein, wo die Lücke bleibt bzw. es nötig ist, eine solche zu schlagen.

    Die Moderne ist leicht zu attackieren, da sie sich stabil und (an)greifbar darstellt. Der bewusste Verzicht der Postmoderne auf Festlegungen, die Netzstruktur und das daraus resultierende Nicht-Verortbarsein, macht diese zu einem viel unangenehmeren Phänomen: Sie ist überhaupt nicht mehr als Gegner begreifbar, da sie sich dem Gegenständlichen, dem „gegen stehen“ entzieht. Radikal ausgelegt widerspricht ihr schon allein der Versuch, sie zu labeln. Insofern kann man nur aus einem modernen Verständnis heraus von der Postmoderne sprechen.

    Dass ihre Dauerambivalenz auch dauerhaft vom Menschen, der als Wesen und in sich doch immer konkret bleibt, in ganzer Konsequenz begrüsst wird, muss bezweifelt werden.
    Der Durchschnittsmensch dürfte die Verheißungen der Postmoderne so erfahren, wie der Durchschnittsafrikareisende die Wildnis erfahren will: auf Safari aus der Sicherheit eines Jeeps heraus und mit dem Rückflugticket und der Reisekrankenversicherung in der Tasche. Er will nur spielen und die Werkzeuge des Web 2.0s werden entsprechend vorrangig als Spielzeuge begriffen, gebraucht und auch als solche gestaltet.

    Ich denke, es sollte Bibliotheken gerade darum gehen, das Konkrete zu stützen. Damit könnte man dem „nouvelle vague“ einer Web 2.0-geprägten Kommunikationskultur etwas entgegensetzen. Dass die Institution Bibliothek damit ein bestimmtes Wissensdogma, eine Bibliothekstyrannis, durchsetzt, ist nicht zu befürchten: dazu waren sie auch in ihren
    Hochzeiten nie in der Lage. Eine Furcht und Terror vebreitende Bibliokratie ist, soweit ich sehe, nicht überliefert.

    Kurz: Die Bibliothek, als moderner Akteur, betont immer die Orte. Das WWW betont die Kanäle, die Spuren und die Verbindungen – also das, was in der Bibliothek verborgen und verwischt wurde. Der Mensch als handelnde Ganzheit benötigt aber beides: Ort und Bewegung. Die Bewegung und die Nicht-Orte betonende Akteure gibt es aktuell zu Hauf, sowohl im virtuellen wie im Realraum.

    Meine Vermutung ist, dass eine auf Tatsächlichkeit, Bestimmtheit und Identität ausgelegte, wenn man so will „anachronistische“ – obschon die Postmoderne ja auch den Mythos der Zeit und damit die Möglichkeit des
    Anarchronismus erledigt haben sollte – Institution sehr bald sehr nah an den Bedürfnissen der Nutzer sein wird. Dann werden womöglich auf einmal bestimmte Traditionen als Phönix, also als Bestimmtes/Bestimmbares, aus der Asche, dem Unbestimmbaren, aufsteigen.

  2. dieter.meer

    Ja, da kann man ja gar nichts gegen sagen, so rund und ausgeformt wie dieses Statement ist. Aber natürlich auch: bravo!

  3. roboico

    Du springst von hü nach hott, von google page1 nach page 50, von linkverzeichnis nach institutionsliteratur etc. vs. systematische Such in einer xy Datenbank.

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